Chasing the sun (3)

Möglichkeit 3: Der König der Nachhaltigkeit

Für mich war meine Reise nach Italien mehrere vorsichtige Schritte in neue Richtungen. Und obwohl ich behaupten würde bereits seit einer ganzen Weile recht nachhaltig und ökologisch zu leben, bin ich vor meiner Reise nach Italien nicht so weit gegangen eine 27h Zugfahrt in Kauf zu nehmen, nur um einen Flug zu vermeiden. Und man glaubt kaum wie viele Hürden einem aufgestellt werden, wenn man mit einem Interrailticket nach Süditalien und zurückfahren möchte – wäre ich nicht so versessen darauf gewesen mir selber zu beweisen, dass umweltschonendes Reisen geht, hätte ich an irgendeinem Punkt bestimmt aufgegeben und mir einen (zu allem Überfluss auch noch viel billigeren) Flug gebucht.

Ganz passend dazu schenkte mir eine gute Freundin beim gemeinsamen Kaffee und Kuchen kurz vor meinem Aufbruch das Buch von Dariadaria, weil ich so oft davon geredet hatte und mir ja eine sehr lange Zugfahrt bevorstand und so schmolz ich dahin, während mir ganz warm ums Herz wurde im Angesicht dieses goldenen Menschen, den ich da in meinem Leben habe.

So kam ich also mit einem sehr grünen Zugticket und einem Buch der „Königin der Nachhaltigkeit“ in Süditalien an und war plötzlich umgeben von Wasser aus Plastikflaschen, weil das Leitungswasser nicht trinkbar ist, von Studenten, die mit einem Auto in die nahegelegene Innenstadt fahren, weil es weder einen Fuß- noch einen Fahrradweg gibt und hatte das Gefühl mit meinen paradiesischen Vorsätzen direkt in der Todeszone der Nachhaltigkeit gelandet zu sein.

Bis ich Saras Eltern kennenlernte.

Auf einem Grundstück etwas außerhalb einer klitzekleinen Stadt in Süditalien wohnen Saras Eltern – ich für meinen Teil war schon hin und weg, als wir durch die von Palmen gesäumte Auffahrt fuhren und anschließend von einem zuckersüßen Hund, sowie zwei Katzenbabys begrüßt wurden. Und während Saras Mutter sich permanent Sorgen machte ich könnte noch Hunger haben und ich mit einer traditionellen Köstlichkeit nach der anderen verköstigt wurde, erzählte Sara mir, dass ihr Vater das Haus zu großen Teilen selber umgebaut hatte. Mit Solaranlagen auf dem Dach und einem Garten, in dem die Familie fast alles selbst anbaut. Zucchinis, Auberginen, Kürbis, Tomaten, Kräuter jeglicher Art, die stellen sogar ihre eigene italienische Tomatensauce her!

Die Tage, die ich mit Sara bei ihren Eltern verbrachte waren recht kurz, aber ich kam nicht umhin die beiden sofort in mein Herz zu schließen! Nicht jede Plastikflasche bedeutet, dass dem Gegenüber die Umwelt egal ist und eine 27h Zugfahrt samt Fahrtlektüre von Dariadaria macht mich noch lange nicht zu einem Experten. Es zahlt sich aus auch mal hinter die Fassade zu schauen, denn irgendwo in Süditalien, zwischen Autoverkehr, Plastikflaschen und den sterbenden Olivenbäumen von Salento steht das Anwesen von Saras Vater, dem König der Nachhaltigkeit.

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Chasing the Sun (2)

Möglichkeit 2: Offene Herzen

Wieder ist es ein Platz in der Innenstadt, auf dem ich mich mit meinen Emotionen konfrontiert sehe. Denn während Cosimo, der heute Vormittag die Prüfung für seine Doktorandenstelle bestanden hat, mir erzählt, wie bei Baumaßnahmen unverhofft eines der beiden Amphitheater in Lecce freigelegt wurde und Sara mit ihrem allwissenden, warmen Lächeln in den Augen neben mir steht, packt es mich mit einem Mal. Wie viel Glück ich doch habe und mit was für offenen Armen und offenen Herzen ich hier heute in Empfang genommen wurde.

Sara, die es sich trotz Unistress und Arbeit nicht nehmen lässt extra zum Bahnhof zu fahren, um mich früh morgens abzuholen und anschließend in einem Café mit mir zu frühstücken. Ganz italienisch natürlich mit Espresso und einer regionalen Backspezialität. Die sich mit echtem Interesse nach meiner Familie erkundigt und sich wie selbstverständlich als den größten Fan meines kleinen Bruders bezeichnet. Die mich dazu aufgefordert hat mich in ihrem Zimmer im Wohnheim wie zu Hause zu fühlen und bei der ich sofort wieder das Gefühl habe zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein.

Vielleicht liegt es auch an dem qualitativ doch eher durchwachsenem Schlaf im Nachtzug, der mich sensibler macht, aber als ich in diesem Moment an den Enthusiasmus denke, mit dem eine von Saras Kommilitoninnen auf die Frage reagierte, ob sie ein paar Stunden mit mir verbringen würde während Sara Vorlesung hatte macht mich das gleichzeitig überglücklich und todtraurig. Überglücklich, weil ich diesen Moment erleben darf und mich so unheimlich willkommen fühle. Todtraurig, weil ich mich frage wie viele meiner Freunde in Deutschland auf diese Frage so freudig reagiert hätten. Sind wir nicht alle immer schrecklich beschäftigt und scheuen uns vor dem Kontakt mit wildfremden Menschen? Hätte eine meiner Freundinnen Sara spontan mit zum Kaffee und Kuchen mit ihren Freunden und Familie eingeladen, nachdem sie soeben ihre Bachelorverteidigung bestanden hat? Hätte ich?

Und dann ist da auch noch Cosimo mit der ruhigen, warmen Stimme und den tiefdunklen Augen, der sich mehrere Stunden die Zeit nimmt mir alles was er in seinem Seminar über Kunstgeschichte aufgesogen hat über die historische Innenstadt von Lecce zu erzählen. Mit einer Engelsgeduld sucht er nach der richtigen Vokabel und läuft mit uns durch die schmalen Gassen zwischen den goldgelben Gebäuden hindurch auf dem Weg zur besten Eisdiele der Stadt, die natürlich unser Endziel ist.

Müsste ich es beschreiben, würde ich sagen in Lecce ist alles sonnengelb. Die Gebäude, die Luft, das Wetter, die Menschen, die schmalen Gassen, ja sogar das Gefühl in meinem Herzen.

All das wird mir im Bruchteil einer Sekunde bewusst und packt mich, während Cosimo über das Amphitheater redet und einen Moment spüre ich, wie Tränen in meinen Augen aufsteigen. Nicht weil ich todtraurig bin, nein, kein bisschen. Ich bin überglücklich angesichts der unendlichen Liebe und diesen sonnengelben offenen Herzen, die mich hier an diesem Ort in Süditalien heute in Empfang genommen haben und das erste Kapitel meiner Zeit in Süditalien schreiben. Vor allem aber weil ich weiß, dass ich hier und jetzt genau da bin, wo ich sein sollte.

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Chasing the Sun

Möglichkeit 1: Eine Möglichkeit für alles

Dann biegt der Zug ins Tal und eröffnet den Blick auf einen Fluss, der parallel zu den Schienen verläuft. Etwas dahinter die schroffen grau-grünen Felsen der sommerlichen Alpen und noch weiter hinten (etwa einen Farbton dunkler als der Himmel) weitere Bergsillhouetten – ganz sanft schimmern sie in der Ferne. Ich schließe meine Augen und genieße die Wärme der Sonne, die durch das Fenster auf mein Gesicht fällt. Als ich meine Augen wieder öffne, scheint der Fluss zu glitzern, als berge er einen unermesslichen Schatz. Tausend kleine Reflektionen auf der Oberfläche und hinter jedem scheint ein verborgenes Versprechen zu liegen. Hier eine Möglichkeit. Hier ein bisschen Leben. Hier ein unbekanntes Abenteuer.

Ich kann die Energie der puren Vorfreude geradezu greifen. Seit Tagen schon begleitet sie mich; dieses aufgeregte Kribbeln, so viel intensiver, so viel tiefer als Verliebtheit. Es kribbelt überall. In meinem Bauch, in meinen Fingern, ja sogar in meinen Lippen, die es fortwährend zum Lächeln anstiftet. Die Luft riecht nach einem Versprechen der puren Freiheit: In mir, um mich rum und zwischen diesen Zeilen.

Als ich abends in Bologna ankomme habe ich drei Stunden bis mein Nachtzug kommt, der mich noch tiefer in dieses Land tragen wird, als ich es jemals war. Ja, ich habe Rom gesehen und gehöre vermutlich zu der Minderheit der Menschen, die Rom ganz grauenvoll fanden. Vielleicht weil es mir zu voll war, vielleicht aber auch einfach weil es eine Klassenfahrt war und Klassenfahrten für mich immer eher ein Krampf, als ein Erlebnis waren. Aber von Italien habe ich nichts desto trotz keine Ahnung, nicht mal ein Gefühl.

Trotz der beiden Rucksäcke, die ich einen vorne, einen hinten trage und mich dabei immer ein bisschen albern fühle (wie ein schwangeres Känguru), beschließe ich die Zeit nicht am Bahnhof zu verbringen sondern mache mich auf in die Richtung, in der ich die Innenstadt vermute. Es ist bereits dunkel, doch die Straße für die ich mich schließlich entscheide ist gefüllt mit Menschen und mit Cafés und mit Menschen in Cafés. Ich folge der Straße eine ganze Weile, komme an einer großen Treppe, die in einen Park führt vorbei, komme an einer Menge überteuerten Geschäften vorbei und ende schließlich auf einem großen Platz. Hier ist das Nachtleben in voller Blüte und präsentiert sich mir nicht nur in Form von gefüllten Restaurants und Cafés, nein, hier sitzen die Menschen in Gruppen zusammen mitten auf dem Platz und eine Menge Touristen eilen mit Kameras um den Brunnen, um letztendlich alle ein und dasselbe Foto zu schießen. Ich bin froh mein Gepäck einen Moment ablegen zu können und setze mich ebenfalls.

Eine Weile sitze ich einfach nur da, noch immer ganz benebelt von dieser Wolke aus Glück und Freiheit und der Hoffnung, dass ich jegliche Probleme und böse Gedanken tausend Kilometer entfernt zurückgelassen habe. Ich beobachte eine Menge Touristen-Pärchen und grübele eine Weile darüber, wie anders, wie Comic-Figur-mäßig wir doch gucken, sobald wir für ein Foto lächeln. Vor allem bei Selfies! Irgendwann fällt mir dann auf, dass ich der einzige Mensch auf diesem Platz bin, der mutterseelenalleine einfach nur sitzt. Zu allem Überfluss nimmt mein Gehirn, charmant wie es ist, dann vor allem die Pärchen wahr, die um mich rum schlendern, süß-alberne Fotos machen, sich gegenseitig liebhaben oder schlicht und einfach existieren. Und konfrontiert mich mit der Frage warum ich hier eigentlich alleine bin und ob ich nicht einsam bin und warum ich nicht eine von diesen Frauen bin, die mit einem Arm um die Schulter gelegt und ihrem Dude durch die Gegend schlendert? Warum ich alleine reise und ob die drei Stunden schon rum sind und ob es nicht unangenehm ist hier so alleine rumzusitzen inmitten all dieser Menschen?

Zack. So schnell kann es gehen. All das, was ich dachte tausende Kilometer zurückgelassen zu haben kommt wieder hoch und ich spiele mit dem Gedanken mein Handy aus der Tasche zu nehmen, damit ich wenigstens nicht ganz so einsam aussehe. Aber bin ich das überhaupt? Bin ich einsam, nur weil ich alleine bin? In diesem Moment auf diesem Platz in Bologna fühlt es sich tatsächlich so an und so setze ich mir meinen Rucksack wieder auf uns mache mich auf den Weg zurück zum Bahnhof. An einer der Kreuzungen muss ich an der Ampel stehenbleiben. Mein Blick fällt auf die Menschen, die auf der anderen Seite warten und einer der Italiener fängt meinen Blick auf. Dann lächelt er einfach so auf eine mir bis heute unverständliche Art und Weise, in der all die Möglichkeiten glitzern, die ich wenige Stunden zuvor in dem Fluss im Tal erkannte.

Die Ampel wird grün, ich überquere die Straße und bleibe auf der anderen Seite einen Moment stehen. Dieser Urlaub hat die Möglichkeit für alles. Ich atme einmal tief durch und sehe nach links, wo der beinah volle Mond verheißungsvoll und wunderschön über den Dächern von Bologna steht. Ja, hier stehe ich in einer fremden Stadt, in einem fremden Land, alleine auf dieser belebten Straße, aber einsam, einsam bin ich gewiss nicht.

Dieser Urlaub hat die Möglichkeit für alles; in diesem Moment: Hoffnung.  

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Der letzte Sommer

Zwischen alten Wänden mit neuen Menschen, nach abenteuerlichen Tagen in der Fremde und vielen neuen Zeilen in meinem Buch. Wieder hier, wieder da, noch einmal für dieses allerletzte Jahr.

Und dann sind wir alle wieder hier, zurück in der Scherbenstadt und das alte Leben hat uns schneller wieder eingeholt, als wir das erste Mal in der Bib waren. Ein viel zu knappes, letztes Sommersemester ist bereits in vollem Gange und droht mit dem offiziellen Ende der Regelstudienzeit. Zweieinhalb Jahre in dieser Stadt, deren Image aus kaum mehr als Wutbürgern und Randale besteht. Vermutlich bin ich die einzige Person auf dieser Welt, die sich nach einem halben Jahr Paris ehrlich darauf freut in die Scherbenstadt zurückzukehren. Warum auch nicht?

Unter freiem Himmel, mit offenen Grenzen, nachts ist der Weg kaum zu sehen, doch wir werden ihn schon finden. Hier am Anfang vom Ende, nach all dieser Zeit. Mit mir und mit euch, noch ein Mal unsere Zeit.

Lass uns immer drei Stunden in der Mensa versacken und essen und quatschen und quatschen und quatschen, denn bald, allzu bald sind wir alle nicht mehr hier. Lass uns im Schatten der Bäume Frühstück-Picknicken, mit Pancakes und Obst und lass uns sogar planen wann wir in den Edeka gehen, um gemeinsam einzukaufen. Ja, so ein kuschelig-süßer Haufen Menschen sind wir, wir gehen sogar gemeinsam unseren Wocheneinkauf machen, wenn uns bewusst wird, dass wir bald alle nicht mehr hier sind. Und dann sitzen wir auf der Bordsteinkante vor dem Edeka, die Einkaufsbeutel neben uns und reden über Gott und die Welt und die beiden niedlichen Zwillinge, die auf dem, inzwischen leeren Edeka Parkplatz Cityroller fahren lernen. Die Sonne ist inzwischen untergegangen und es wird kühler. Ich ziehe meine Jacke zu, aber ich sage nichts, ich gehe nicht, weil der Moment viel zu schön ist.

In der tanzenden Menge, tief in der Nacht, mit Musik in den Adern, die uns lebendig macht. All die fremden Gesichter und dein neues Kleid.

Ist es nicht irgendwie komisch, dass so viele neue Menschen hier sind? So viele Gesichter, die in unserer Geschichte nicht existieren, so viele Lebenslinien, die unsere niemals berühren wird, denn unsere Zeit hier neigt sich dem Ende. Das ist der letzte Sommer. Jetzt. Und ich denke an den ersten Herbst, an die tapsigen ersten Schritte, die ich auf diesen Wegen zurücklegte. All die Steine, die ich aus dem Weg geräumt habe und die Zeit, als ihr noch nicht da wart und mich begleitet habt. So vieles hat sich verändert, du und ich und ihr und diese Stadt und der Weg. Alles.

Und dann gestern die Party und das Foto auf das wir zwanzig Minuten warten mussten, um alle wichtigen Menschen an einen Fleck zu bekommen, das Foto und die zwanzig Minuten, in denen die Verewigung von zweieinhalb Jahren steckt. Oder zumindest der Versuch dessen. Die spannenden Geschichten der letzten Tage, die Anfänge, die aus der Leichtsinnigkeit des drohenden Endes entstehen; eine riskante Schwärmerei, die Grenzen zwischen Fangirling und konstruktiv-inhaltlicher Kritik verschwimmen lässt. Eine heimliche Schwärmerei, die immer weniger heimlich wird und ein verhängnisvoller Wochenend-Wander-Plan. Alles was wir teilen. All die Geschichten der neuen Zukunft der Scherbenstadt. Noch ist es nicht vorbei.

Sprich ihn aus, deinen Wunsch, nimm ihn mit, deinen Mut und vergiss niemals ganz, dass ein Teil von all dem hier für immer in uns allen ruht.

Also lasst ihn uns leben, unseren letzten Sommer. Jetzt und mit vollem Herzen und vor allem gemeinsam. Lasst uns all die Anfänge der Leichtsinnigkeit zelebrieren, denn so furchtlos wie jetzt, werden wir hier nie wieder sein.

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Die Stadt des Lichts – Nr.16

Nr.16: Willkommen und Abschied

Zeit ist ein seltsames Paradox. Denn irgendwie beginnen wir immer erst dann wirklich zu leben, den Moment in vollen Zügen auszukosten, wenn wir merken, wie die Zeit in unseren Träumen langsam abläuft. Dann sind es plötzlich nur noch zwei Wochen, nur noch fünf Tage, nur noch 24 Stunden in Paris. Dann hängt die Liste mit Dingen, die ich unbedingt machen wollte, klagend an meiner Wand, angesichts der vielen Dinge, die ich nicht geschafft habe. Und die ich in den letzten zwei Wochen, den letzten fünf Tagen, den letzten 24 Stunden auch nicht mehr schaffen werde.

Als ich nach Paris kam, war ich etwas verloren in mir selbst, etwas unsicher in all der Struktur, die ich mir jeden Tag erschuf und Paris schien irgendwo wie die Zuflucht, die all die Rätsel lösen konnte. Was Paris natürlich nicht tat und auch niemals könnte und doch scheint mir in diesem Moment alles sehr klar. Wie kann man auch von einer Stadt erwarten, die eigenen Probleme zu lösen? So funktioniert das schließlich nicht.

Ich stieß in Paris an allerlei Grenzen. Grenzen, die ich erweitern konnte. Grenzen, an denen ich eine Weile stand und ins Unbekannte blickte. Grenzen, über deren Graben ich erst mit etwas Anlauf springen konnte. Grenzen, an dessen Zäunen ich teilweise immer noch stehe und warte. Worauf ich warte, weiß ich nicht. Vielleicht auf den richtigen Moment, der niemals kommen wird. Vielleicht auf eine neue Stadt, in die ich fälschlicherweise all meine Hoffnungen lege. Denn die Wahrheit ist ebenso simpel, wie komplex. Paris konnte meine Probleme nicht lösen, aber Paris löste meine Probleme, in dem es mich mit Herausforderungen konfrontierte, die mich wachsen ließen. Und so erhielt ich die 2cm mehr, um über den Graben zu kommen. So erlangte ich das Selbstvertrauen, dem Unbekannten ins Auge zu blicken und ein paar Meter weiter einfach eine neue Linie zu ziehen.

Paris war Rettung und Albtraum zugleich und Paris hat nun sein Ende gefunden. Die Zeit ist abgelaufen und auch wenn die Liste nun klagend in meinem Koffer liegt, weiß ich, dass alles richtig so war, wie es war. Paris ist wunderschön und gab mir ein Gefühl von Freiheit, Schönheit und Verbundenheit, das mir einerseits niemand je wieder nehmen kann und das gleichzeitig nie wieder so sein wird, wie hier. Aber Paris war niemals dafür bestimmt für Immer zu sein und ich weiß, dass es richtig so ist. Es fühlt sich richtig an, ein letztes Mal in der Metro zu sitzen, ein letztes Mal die strahlenden Lichter in Mabillon bei Nacht, ein letztes Mal Baguette Tradition, ein letztes Mal Bonjour und dann ein letztes Mal Aurevoir.

Ein letztes Mal Paris. Ein letztes Mal die Stadt des Lichts. Ein letztes Mal, nicht für Immer, aber für Jetzt.

Die Zeit ist abgelaufen.

Und so ziehe ich den Reisverschluss an meinem Koffer zu, setzte mir meinen Wanderrucksack auf und während ich die Tür ein letztes Mal hinter mir schließe, geht ein Abenteuer zu Ende und ein Neues beginnt.

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Die Stadt des Lichts Nr.15

Nr.15: Daran werde ich mich nie gewöhnen.

Lässt sich natürlich, nach einem Semester in Paris leicht sagen, wird sich, meiner Meinung nach, aber nicht ändern. Nicht mehr. Wenn mitten im Bahnhof, zwischen all den eilig vorbeihuschenden Menschen, vier bis an die Zähne bewaffnete Soldaten, seelenruhig durch die Menge schlendern. Wobei sie einen nie genau ansehen, zumindest fühlt es sich so an. Und wenn ich genauer darüber nachdenke, dann erinnert mich ihr Auftreten eher an Szenen aus einem Albtraum, als an Sicherheit, weil sie einfach so verdammt langsam gehen. Als hätten sie die Zeit der Welt, weil sie irgendeiner höheren Instanz gehorchen. Wie die Bösewichte aus meinen Albträumen früher, vor denen ich mit brennenden Sohlen davonlaufe und die ich mit ihrem stetig gesetzten, aber niemals gestressten Schritt trotz aller Mühe nie abschütteln kann.

Natürlich bin ich kein Franzose und natürlich war ich 2015 nicht hier und kann mir nicht ausmalen, was die Anwesenheit dieser Art von Sicherheitskräften für eine Auswirkung hat. Aber in mir löst die Anwesenheit von glattrasierten Männergesichtern, die aussehen, als hätten sie mit mir zusammen Abitur gemacht und viel zu gelassen mit der Tatsache umgehen, dass sie gerade eine automatische Schusswaffe in der Hand und somit sehr viel Macht über Leben und Tod haben, doch eher Unruhe aus. Zumal ich instinktiv die Sorge habe, irgendeine falsche Bewegung zu machen, aufgrund derer ich eine Kettenreaktion, in der erst geschossen und dann gefragt wird, auslöse.

Ich bin zwar nicht aus Paris, aber dennoch in einer Großstadt geboren und trotzdem find ich es jedes Mal befremdlich, dass meine Tasche am Eingang der Universität kontrolliert wird. Zumal es sich meist nicht mal wirklich um eine Kontrolle handelt, sondern eher um ein halbherziges Öffnen des Rucksackes meinerseits, woraufhin mich der Securityguard lächelnd durchwinkt. Warum also überhaupt die Taschen kontrollieren? Ist das ein Abschreckungsmanöver oder wozu genau soll das gut sein? Ich meine, ich mag unseren Securityguard an der Uni, der scheint ein super cooler Typ zu sein, aber ist das der Sinn der Sache? Sollte ein Securityguard cool sein und sich von Studenten Kaffee bringen lassen und mit ihnen rumschäkern?

Und diese Männer im schwarzen Anzug, vor dem Ausgang jedes beliebigen Supermarktes, die teilweise so gelangweilt sind, dass sie anfangen die benutzten Körbe zurück in den Eingangsbereich zu bringen oder sogar Waren sortieren. Mich persönlich stressen die an der Kasse nur noch mehr und meiner Meinung nach sind Kassensituationen durch das ganze bloß-nicht-zu-lange-beim-Einpacken-brauchen-Ding schon stressig genug. Mal ganz zu schweigen, von der Tatsache, dass ich vermutlich in Tränen ausbrechen würde, wenn das Sicherheitsteil am Ausgang piepen würde, während ich den Laden verlassen will und der Mann im schwarzen Anzug mit verdächtigend gehobenen Augenbrauen in ruhigen, langen Schritten auf mich zukommt. Denn auch der gehorcht bestimmt irgendeiner höheren Instanz.

Ich frage mich, wie das auf der anderen Seite aussieht. Klar, der Job des Typen, der in diesem kleinen Glaskasten vor der amerikanischen Botschaft steht und vermutlich nicht nur friert, sondern dem zusätzlich wahrscheinlich auch die Füße eingeschlafen sind, ist nicht so der Oberknaller. Aber wie fühlt sich das an, die stetig schreitende Instanz zu sein, die vier frisch geschlüpften Typen, noch ganz grün hinter den Ohren, deren Verantwortung die Sicherheit eines ganzen Bahnhofes ist. Oder vielleicht sogar noch mehr. Die von all den vorbeihuschenden Menschen geduldet, toleriert und vielleicht auch gefürchtet werden, aber niemals einfach nur ein weiterer Teil der Masse sind. Wie fühlt sich das an, in jeder Sekunde über Leben und Tod zu entscheiden?

Ob sie sich, so wie ich, jemals die Frage stellen, was passiert, wenn sie aus Versehen ihren Finger bewegen? Den, den sie so gut wie immer am Abzug liegen haben. Ob sie, so wie ich Angst haben, vor dem Moment, in dem aus einem Ja oder Nein plötzlich eine Entscheidung wird, die mehr wiegt, als all das Metall der Züge in diesem Bahnhof zusammen?

Und ob sie mich überhaupt sehen? Oder bin ich nur ein kleiner Mensch mit Bommelmütze in einem knallgelben Mantel, der hinter ihren Augen innerlich ebenso lächelnd durchgewunken wird, wie es der Securityguard an meiner Uni tut. Habe ich überhaupt Relevanz? Oder bin ich nur ein neutraler Faktor, der solange nichts passiert überflüssig und wenn doch etwas passiert tragischerweise als Kollateralschaden ebenso überflüssig wäre?

Fragen, auf die ich vermutlich niemals eine Antwort bekommen werde, die aber insgesamt nicht dazu führen, dass ich mich aufgrund des ständigen Aufgebotes von Soldaten in Paris sicherer fühle, als woanders. Aber vielleicht ist das auch gar nicht der Sinn der Sache. So oder so, werde ich mich daran wohl nie gewöhnen.

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Die Stadt des Lichts – No.14

Nr.14: Ein Moment. Zwei Geschichten.

La vie est belle.
Ich kann es kaum fassen, wie schön das Leben ist und das ich da stehen darf, warm eingepackt, mit süßem Wein auf den Lippen, ein paar Meter vor dem Eiffelturm, der funkelt, wie eine Wunderkerze. Oder wie ein Diamant. Wie ein Sternenhimmel. Oder ein Blitzlichtgewitter.

Irgendwie startet 2019 für mich erst jetzt richtig, Samstag,nachts, dem fünften Januar, wo die Uhr von 0:59 auf 1:00 schlägt und derEiffelturm anfängt zu glitzern. Blitzlichtgewitter.

Jedes Aufleuchten steht für einen Moment, den ich in meiner Vergangenheit erlebt habe. Kurz existiert dieser einzigartige Moment und schonist er wieder vorbei. Nach fünf Minuten hört auch der Eiffelturm wieder auf zu leuchten und wird schwarz, fast unsichtbar in der Nacht.

Irgendwie besteht das Leben nur aus einer Aneinanderreihung von Momenten. Seit ich hier in Paris bin aus sehr vielen unvergesslichen Momenten. Wie ich so vor dem Eiffelturm stehe, bin ich sehr dankbar. Dankbar für die schönen Orte, die wir uns angesehen haben, für die vielen Male, die wir zusammen gelacht, Yoga gemacht und Tee gekocht haben. Im Nachhinein wäre dieser Moment vor dem Eiffelturm ein guter Zeitpunkt gewesen, dich ganz fest zu umarmen und dir zu sagen, wie lieb ich dich hab. Das ist mir natürlich nicht rechtzeitig eingefallen. Aber dafür werde ich diese Zeit mit meinen Gedanken umarmen und ganz fest in mein Herz einschließen.
Irgendwie ist das Leben très bien.
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Es ist kalt, als wir die Metro verlassen. Nicht für Januar, nicht für die Jahreszeit, nicht, dass es nicht deutlich kälter sein dürfte. Aber für uns schon, nach 2 Stunden ins Bett gekuschelt; mit Spagetti, einerguten Serie, Schokoeis und Zeit. Zeit zum Genießen, zum faul sein und zumWarten. Erstaunlich eigentlich, dass alles immer entweder stressig ist oder warten. Worauf warten wir eigentlich?

Ich stoße sie mit dem Ellbogen an und deute nach links.„Woaah“, entfährt es ihr und ich grinse innerlich. Genau für diesen Moment, für diesen Ausruf, habe ich ihr nicht erzählt, wie nah die Haltestelle Trocadéro tatsächlich an unserem Ziel liegt. Der Eiffelturm thront erleuchtet über der Straße unter uns und wirft strahlend sein warmes Licht über den Pariser Nachthimmel, wie es sich auch in ihren Augen widerspiegelt. „Wie cool ist das denn?“,murmelt sie.

Immer wieder schön, denke ich und danke dem Eiffelturm fürall die begeisterten Ausrufe, all die Freude und die ganzen, kleinen Alltagswunder, die er uns beschert. Vier Monate in Paris und ich muss zugeben, dass auch ich mich immer wieder gerne in seinen Bann ziehen lasse. Besonders beleuchtet, strahlt er irgendwo eine ganz einzigartige Wärme aus. Obwohl ein sehr frischer Wind geht und sich langsam zwischen meiner Jacke und meinem Schal hindurchschiebt, sodass ich mir die Kapuze bis über beide Ohren ziehe.

Es ist erstaunlich leer, für einen Freitagabend. Scheinbar verloren stehen noch immer ein paar der Straßenverkäufer rum, einer trägt eine albern blinkende Weihnachtsmannmütze und Hasenohren, während er mehr oder weniger erfolgreich eine Gruppe etwas rechts von uns versucht zum Kauf einerder kleinen Modelleiffeltürme zu überzeugen. Weiter vorne, an der Balustrade steht ein Pärchen, daneben zwei Gruppen junger Männer, eine Gruppe Teenager mit Weinflaschen und etwas dahinter wir. Ein weiteres Mal frischt der Wind auf und eine verlorene Energiedrinkflasche kullert lautstark an uns vorbei. Ob sie das überhaupt gemerkt hat? Ihr Blick ist immer noch nach vorne, auf den Eiffelturmgerichtet, als würde er sie magisch anziehen.

Und so folgen wir ihrem Blick, bis wir beinahe unter ihm stehen, schließlich haben wir noch ein bisschen Zeit, die wir mit Warten und Staunen verbringen können. Kurz vor ein Uhr nachts gehen wir dann zurück Richtung Trocodéro, wo wir uns zwischen wirklich unglaublich großen Ratten unter dem nächtlichen Pariser Himmel auf eine Mauer stellen, als es losgeht. Einmal pro Nacht, genau um eins, leuchtet der Eiffelturm auf eine ganz besondere Art. Bis ein Uhr trägt er sein typisches, warmes Lichterkleid, welches dann urplötzlich erlischt und der einmal stündlich stattfindenden Lichtershow Platz macht. Nur findet diese um ein Uhr nachts nicht auf dem beleuchteten, sondern auf dem scheinbar pechschwarzen Eiffelturm statt und erweckt so eine ganz besonders majestätische Atmosphäre.

Und genau auf diesen Moment haben wir gewartet.

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Die Stadt des Lichts – Nr.13

Nr.13: Metro-Menschen

//8 Uns gegenüber sitzt ein Junge, sechzehn vielleicht, Kopfhörer in den Ohren und isst Süßigkeiten. Nun, eigentlich lungert er eher und seine langen Beine liegen einmal queer über den Gang, sodass im Zweifelsfall niemand durchkommen würde. Er scheint ein Video auf seinem Handy zu schauen und lässt sich von unseren Blicken kaum verunsichern. Denn trotz seiner offensichtlichen, pubertären Coolness, ist er eine Kuriosität; steckt er in einem dunkelblauen Anzug, der mehr ihn zu tragen scheint, als andersherum. Dazu passend; dunkelblaue Anzugschuhe, die weder bequem, noch nach seiner erstenWahl aussehen und gewiss keine halbe Stunde auf dem Basketballfeld aushalten. Ein bisschen Kindheit gegen eine ganze Menge Prestige?

//9 „Exuse moi?“ Ich rechne im ersten Moment nicht damit, dass ich gemeint bin, sehe dann jedoch irritiert auf. Sie hält mir ihr Smartphone vor das Gesicht. Ich erkenne das Interface einer Email und runzele leicht irritiert die Stirn. Sie versuche die ganze Zeit diese Email zu verschicken, erklärt mir die Frau. Aber sie wird nicht versendet. Ob sie ihre mobilen Datendenn eingeschaltet habe, frage ich. Ja, vergewissert sie mir und ich werfe einen Blick auf den oberen Rand ihres Bildschirmes. Hm. Fünf Minuten später, bin ich mit meinem Latein am Ende und wir einigen uns darauf, dass es wohl daran liegen muss, dass wir im Metro Tunnel sind und sie es einfach später nochmal versuchen sollte. So viel zum Thema digital Native.

//10 Sie starrt mich an. Ich lächele. Sie zieht die Stirn kraus und bewegt den Kopf unruhig hin und her. Ich versuche noch überzeugender zu lächeln. Sie presst ihren Mund zusammen und hält einen Moment inne, ihr Blick kritisch wie eh und je. Und in diesem Moment, wird mir bewusst, dass es wenige Dinge gibt, die einen mehr verunsichern, als ein Baby, das statt sich zufreuen, im Angesicht deines Lächelns, schlagartig ernst wird.

//11 19 Uhr und ich, 22, laufe mit Bommelmütze und einer geöffneten Tortilla-Chips-Tüte mit bester Laune durch den Bahnhof von Saint-Lazare. Vorbei an den Pappkarton-Marktständen, hinter denen keifende Männer stehen und mir 2 Avocados für 1,50€ oder 2 Packungen Heidelbeeren für 2€ andrehen wollen. Ein paar Meter weiter steht ein Mann mit Gitarre. Er trägt eine gelbe Weste, die überall mit Edding bekrikelt ist und singt irgendwas von „Oh Gilet Jaune“, direkt neben ihm ein Mann in Armee Uniform. Er trägt einen ersten Blick, der scheinbar unbeeindruckt auf die Menge gerichtet ist, eine dieser deplatzierten, fast schon albernen Barett-Mützen und ein Maschinengewehr.

//12 Urplötzlich wird es warm an meinem Bein und nachdem die anfängliche Panik, ich könnte mir aus weiß-gott welchem Grund eingepinkelt haben, verflogen ist, fällt mir auf, dass es lediglich mein rechter Oberschenkel ist, der so warm scheint. Vorsichtig bewege ich mein Bein hin und her und spüre, wie das Warme über den Stoff meiner Hose streift. Vorsichtig schiebe ich meine Hand zwischen mir und dem, an mir gepressten Menschen, neben mir, an die Ruckseite meines Oberschenkels und ertaste eine Tüte. Eine Tüte, dessen Besitzer sofort alarmiert ist, aus Angst ich wolle ihm sein frisches, noch warmes Brathähnchen stehlen.

//13 Ich weiß nicht ob ich ihn albern, oder beeindruckend finden soll. Mir gegenüber sitzt ein Mann, dessen grün schillernde Weste mich an die Wandtapete einer Unterwasserprinzessin erinnert. Dazu trägt er eine quietschgelbe Hose, knallbunte Ringelsocken und Schuhe, die aussehen, als hätte er sie einer Mozartfigur aus irgendeinem Museum geklaut. Während meine Augen mit einem amüsierten Blitzen über sein Outfit huschen, zuckt er nicht einmal mit der Wimper. Beeindruckend.

//14 Dreitagebart, lange, zum Zopf gebundene Haare, Outdoorjacke, beige Hose und eine ganze Menge Lebensfreude in den Augen. Vor ihm steht ein großer Wanderrucksack, an dem ein eingepackter Schlafsack hängt und alles an ihm schreit nach Abenteuer und Wildniss und Freiheit. Ich wünschte ich wäre mutig genug ihn anzusprechen. Weil er die Inkarnation des Typen ist, von dem ich gerne in der Metro angesprochen werden würde und weil mich seine Geschichte interessiert. Wo geht er hin, wo kommt er her? Spricht er meine Sprache? Was hat er auf seinem Weg alles schon erlebt und was verschlägt ihn nach Paris? Hab eine gute Reise, denke ich lächelnd, als er die nächste Station aussteigt.

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Die Stadt des Lichts – No.12

No.12: Metro-Menschen

//1 Schräggegenüber von mir sitzt ein Mädchen mit Kapuze. Vor ihr steht ein Beutel, in dem mehrere Skizzenblöcke verschiedenster Größe sind. Sie hat Kopfhörer auf und kaut auf diese unerschütterlich selbstbewusste Art Kaugummi, dass ich direkt neidisch werde. Alles an ihr passt irgendwie zusammen. Ihr ungeschminktes Gesicht, die langen, dunklen Haare, die an der einen Seite aus ihrer Kapuze fallen, ihre bunten Converse, im Kontrast zu ihren sonst komplett schwarzen Klamotten. Sie sieht großartig aus!

//2 Seit ein paar Tagen sitzt sie hier und konfrontiert mich mit den Stereotypen in meinem Kopf. Wo das dominierende Bild der Bettler im Bahnhof Saint Lazare sonst Frauen mit Kopftuch sind, die Schilder halten auf denen „Famille Syrienne“ steht, sitzt am Eingang der 14 seit ein paar Tagen ein junges Mädchen. Blasse Haut, rote, lockige Haare und wenn ich mich nicht täusche, schwanger.

//3 Vor lauter Schreck zucke ich zusammen, als sich die Türen öffnen, an die ich mich bis eben gelehnt habe. Meine Hand an der Eisenstange ist etwas schwitzig und ich habe das Gefühl ertasten zu können, wie die Bakterien langsam durch den Schweiß schwimmen und in meine Haut eindringen. Und etwas in mir hasst Metro-fahren.

//4 Ich stehe so nah vor ihm, dass ich seine Barthaare zählen könnte, wenn ich wollte. In seinem dunkelblauen Mantel, mit dem ca. 13-Tagebart sieht er aus wie der gutaussehende Typ aus der nächstbeliebigen Netflixserie. Und wäre das hier eine Netflixserie, wäre ich bestimmt das unbedarfte Mädchen, dass durch das Bremsen der Metro in seinen Armen landet. Nur ist die Linie 13 immer so voll und diese ungewollte Nähe irgendwo schon normal. Irgendwo aber trotzdem sehr unangenehm; sogar unsere Knie berühren sich und ich wette er kann meinen Atem spüren.

//5 Er fällt mir sofort auf. Große, dunkelgrüne Jacke, vermutlich aus dem Second-Hand-Shop. Kurze Haare, Mütze, leichte Augenringe und doch ungeheuerlich lebendige Augen. Vielleicht unser Klischee-Hipster, aber irgendwas an ihm ist sehr authentisch. Um seinen Hals hängt eine alte Analogkamera und unsere Blicke treffen sich, flüchtig, dann gehe ich an ihm vorbei.

//6 Ich steige aus und suche (wie jedes Mal) komplett orientierungslos nach dem Sortie-Schild. Wie die Pariser das hinbekommen immer direkt zu wissen, in welche Richtung sie müssen, ist und bleibt mir ein Rätsel. Ebenso bleibt mir ein Rätsel, wie es dazu kommt, dass ein Typ am helllichten Tage meint es wäre eine gute Idee, den Mülleimer auf dem Metrogleis anzupinkeln. Und mich dabei auch noch anzugrinsen. Keine Ahnung in welcher Welt das okay ist, aber in meiner eher nicht…

//7 Ich stehe am Bahnsteig und warte auf meine Metro, als die Frau neben mir plötzlich erschrocken die Beine hebt. Der Blindenstock eines Mannes taucht zwischen ihren Füßen auf und ich denke im ersten Moment, dass sie gleich etwas Genervtes vor sich hinmurmeln wird. Stattdessen stellt sie sich vor, fragt ihn wo er hin möchte und sagt, dass sie mit derselben Metro fahren wird wie er und ihm beim Einsteigen helfen wird, wenn es soweit ist.
Danke. Für diesen wunderbaren Moment.

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Die Stadt des Lichts – No.11

No.11: Einmal Traumberuf mit Sahne, bitte

Wir sitzen in einem Café. Er sitzt mir gegenüber; beige Hose, blassblaues Hemd, runde Brille und einen bereits etwas spärlichen Haaransatz. Ich sitze auf der anderen Seite des Tisches, etwas nervös, vor mir einen Schreibblock und einen Kugelschreiber in der Hand, gezückt, als würde ich gleich eine lebenswichtige Prüfung schreiben.

Es ist durchaus etwas kurios, dass wir hier sitzen. So als wäre das hier echt, als wäre ich ebenso professionell hier, wie er. Er, der Dirigent des Chors, in dem ich derzeit hier in Paris singe und wie es sich herausgestellt hat ist er ebenso einer der weltweit meistgespielten, zeitgenössischen französischen Komponisten. Schottland, Amerika, Deutschland, überall kennt man in Fachkreisen seine Musik und seinen Namen und ich habe das Glück für eine Seminararbeit diesen beeindruckenden Menschen interviewen zu dürfen.

Wenn ich ehrlich bin, wusste ich nicht mal, was für einen großen Fisch ich an meiner kleinen Angel hatte, als ich ihn nach der Chorprobe, letzten Mittwoch fragte, ob ich ein Interview mit ihm machen könnte, da ich für die Uni ein Porträt schreiben muss. Ich wählte ihn aus, weil ich die Idee spannend fand. Den Dirigenten eines der größten Studentenchöre Paris zu interviewen, ist doch bestimmt keine schlechte Idee und auch, weil ich wusste, dass ich das Interview auf Französisch führen müsste. Dass er ein ziemlich guter und auch preisgekrönter Komponist ist, wusste ich ursprünglich nicht.

Aber jetzt sitzen wir hier. Er und ich. An diesem Tisch, in diesem Café und es ist so laut, dass ich fürchte, dass die Tonaufnahme des Interviews komplett in die Hose gehen wird. Mit meinen Fragen habe ich mir ziemlich viel Mühe gegeben; zu viel vielleicht, für eine Seminararbeit, dabei hat es mir so viel Spaß bereitet, seine Website zu durchforsten, mir die Titel seiner Stücke und die Cover seiner CDs anzuschauen und Lücken zu finden, die es zu schließen gilt. Mir seinen Werdegang als Musiker durchzulesen und mich zu fragen, also letztendlich ihn zu fragen, warum ein so bekannter Komponist, wie er, seine Wochenenden damit verbringt einen Studentenchor zu dirigieren.

Vielleicht habe ich in den letzten Monaten zu viele Beiträge vom Y-Kollektiv geschaut und vielleicht nehme ich diese Seminararbeit viel zu ernst, aber das hier, genau das hier, das ist das was ich machen möchte. Mich in Dinge reinstürzen, durch das Netz stöbern, Fragen formulieren (und das einmal nicht bezogen auf mich und mein Leben, sondern auf andere Menschen) und dann mit einem Mann, der dem Klischeebild eines Künstlers so ähnlich sieht, wie er, in einem Café sitzen und ein Interview führen. So ein richtiges Interview. Und einfach mal zuhören, einfach zuhören und sich mit dem Leben eines anderen befassen.

Kommt das zu kurz in unserer Welt aus Selbstdarstellung und Selbsthass? Selbstliebe und Eigenvermarktung? Können wir uns noch mehr, als die Zeit, die es kostet, um einen anderen Menschen auf Instagram zu finden und grob durch den Feed zu scrollen, auf einen anderen Menschen konzentrieren? Ihm zuhören? Kann ich das noch? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht; mache ich das hier für meine Seminararbeit? Für ihn oder für mich?

All diese Fragen kann ich nicht beantworten und da würde mir auch keine ausführliche Recherchearbeit bei helfen. Aber eines weiß ich ganz sicher: Ich habe mich lange nicht mehr so richtig, so cool und so lebendig gefühlt, wie an diesem Abend, in diesem Café mit diesem Mann, den ich nach gefundenen Lücken befragt habe. Seit Jahren möchte ich Journalistin werden und dieser Moment hat mir genau das gegeben. Eine etwas zu ernst genommene Seminararbeit und eine glückliche Wahl des Interviewpartners. Für eine Dreiviertelstunde in diesem Café war er der Künstler und ich die Journalistin.

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